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Was ist Functional Training

Autor: Thomas Korompai | Sportwissenschaftler, Gründer und Geschäftsführer R1 Sportsclub, Personal Coach | www.r1-sportsclub.de


Functional Training! 
Ein Begriff, der sich ungemeiner Popularität erfreut, auch wenn der Zenit dessen, was als „Functional“ alles betitelt wurde, gefühlt überschritten ist.

Braucht es nun einen weiteren Artikel über diese Art des Trainings? Das Internet ist ja schließlich voll davon. Absolut JA! Denn mit steigender Anzahl an geistigen Ergüssen sogenannter Experten, steigt auch die Verwirrung unter den Trainern, Coaches und Therapeuten.

Ich will in diesem Artikel versuchen, diesem Begriff einen sinnvollen Rahmen zu verpassen und vor allem für etwas Klarheit zu sorgen. Der Artikel ist dreigeteilt. Der erste Abschnitt beschäftigt sich mit dem Ursprung des Functional Trainings. Im zweiten Abschnitt wage ich einen Versuch der Begriffsklärung mit kritischem Auge. Im letzten Abschnitt zeige ich meinen Weg, wie ich an das Thema herangehe und welche Lösungen ich und mein Team erarbeitet haben.

Zunächst möchte ich klären, was es mit dem Begriff Functional Training auf sich hat.

Ursprünglich hat der Begriff seine Wurzeln in der sportmedizinischen Welt. Man hat früh erkannt, dass klassisches, maschinengesteuertes Training, bei den meisten Rehaprogrammen unterschiedlicher Verletzungen nicht so perfekt funktioniert und hat auf „Funktionsgymnastik“ gesetzt. Auf diesem Fundament erhielt das funktionelle Training mehr und mehr Aufmerksamkeit, gerade im sportspezifischen Training.
Einer der „Gründerväter“ des modernen Functional Training Begriffes war in den USA Vern Gambetta, nach Europa und speziell nach Deutschland wurde der Begriff sicherlich von Mark Verstegentransportiert. Mit der Aufgabe, ab 2004 die Deutsche Fußball Nationalmannschaft im Athletikbereich zu betreuen, begann die Reise. 2005 kam dann sein erstes Buch „Core Performance“ in deutscher Sprache auf den Markt. Ich selbst war ab 2006 als Athletiktrainer im Fußball tätig (ab 2007 hauptberuflich im Profibereich), musste aber immer wieder feststellen, dass sich diese Art von Training nur sehr langsam in die Köpfe von Spielern und Trainern bringen ließ.
Gerade im deutschen Fußball war die Herangehensweise an das Thema oftmals katastrophal oder einfach nicht vorhanden.

Dr. Pedro Gonzalez brachte die Missstände 2007 in seiner Dissertationsarbeit „Konditionstraining und sportmedizinische Betreuung in der 1. Fußballbundesliga“ auf den Punkt. Erst nach und nach etablierte sich das funktionelle Training als anerkannte Methode im deutschen Profisport. In den USA hingegen hat sich der Begriff bereits in den 1990er Jahren etabliert. Man kann ohne Zweifel sagen, dass sich das funktionelle Training breit in der deutschen Fitnesslandschaft, erst ab den 2010er Jahren etabliert hat. Oft fälschlicherweise als Athletiktraining, BootCamp, CrossFit, Circuit Training bezeichnet, erlebt es in der heutigen Zeit einen Hype, der zum Einen sensationell für alle Trainer ist (da wir selbst dadurch aufsteigen vom Geräteeinsteller zum Experten für Bewegung), zum Anderen aber auch Gefahren mit sich bringt.
Wenn wir also zusammenfassen, können wir sagen, dass der moderne FT Begriff seinen Ursprung in der Sportmedizin hat. Von dort gelangte der Begriff in den Bereich des sportspezifischen Trainings und gelangte dann in den breiten Fitnessmarkt.

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Nun wissen wir also, woher der Begriff stammt, aber noch nicht, was er beinhaltet. Fragen wir doch einfach die „Gründerväter“. „Single joint movements that isolate a specific muscle are very non functional. Multi-joint movements which integrate muscle groups into movement patterns are very functional“ (Gary Gray, Vern Gambetta, 2002).

Ok, es geht also um gesamte Muskelgruppen und Bewegungen, nicht um Isolationsübungen. Im Blickwinkel des FT ist also ein Bizeps Curl höchst unfunktionell. Da mir persönlich diese Klassifizierung in „Böse“ und „Gut“ nicht gefällt, lasst uns weiter forschen.
Der Begriff „funktionell“ an sich bedeutet lautet Duden „eine Funktion oder ein Ziel erfüllend“. Aha, kann man nicht somit sagen, dass für einen Bodybuilder, der seinen Armumfang gezielt erweitern möchte, um auf der Bühne bessere Chancen zu haben, der Bizepscurl eine höchst funktionelle Übung ist, da zielführend?
Für einen Menschen aus dem Alltag, wir nennen diese „Athleten des Lebens“ ist der Bizepscurl hingegen eher unfunktionell, da dieser weder der sitzenden Haltung entgegen wirkt, noch in irgendeiner anderen Form zielführend ist. Wenn jetzt der Einwand kommt, es ginge ja auch um die Optik und ein bisschen mehr Bizeps hat noch niemanden geschadet, muss ich deutlich erwidern, dass Du auch als sehr fortgeschrittener Athlet des Lebens Deinen Bizeps vergrößern kannst durch funktionelle, mehrgelenkige Übungen. Wer widerspricht, hat keine Ahnung von seriösem Krafttraining, Punkt!

Um beim Bizepscurl zu bleiben, dieser ist nach der Definition aus dem Duden hoch funktionell für einen erfahrenen Bodybuilder (ich meine die, die auf die Bühne gehen, nicht die, die im Fitness Discounter sich abends für den Club aufpumpen), für jeden anderen Athleten, vor allem für den Athleten des Lebens, höchst unfunktionell.

Ein weiterer Aspekt ist, dass keine menschliche funktionelle Bewegung im Sitzen stattfindet (Radfahren ist nicht funktionell). Somit ist eine weitere Zutat, dass keine Übung im Sitzen und nur ganz wenige im Liegen ausgeführt werden sollten, wenn es um FT geht.
Wir gehen noch einen Schritt weiter. Ein Schritt ist definitiv funktioneller als ein paralleler Stand. Somit sollten die meisten stehenden Übungen entweder in Split Stance oder einbeinig ausgeführt werden. Meine eigene Zündschnur ist enorm kurz, wenn sogenannte „Experten“ proklamieren, dass schwere Lifts wie Kniebeugen, Kreuheben oder sogar Cleans und Snatches das Allerheilmittel sind. Eine beidbeinige Kniebeuge ist deutlich unfunktioneller und riskanter als ein Split Squat, ein Ausfallschritt oder eine einbeinige Kniebeuge. Mit einer einbeinigen Kniebeuge meine ich keinen Pistol, denn dieser ist für die meisten Menschen einfach nicht machbar, ohne den Verlust der sterno-symphysalen Länge. Hier stoßen wir schon auf den nächsten Mythos: ROM. Unsere sog. „Mobility Experten“, die letztlich alle bei Dr. Kelly Starrett abgekupfert haben, stellen eine weitere Ursache für Konfusion dar. Für eine Übung wie den Pistol braucht es eine so außergewöhnliche Mobilität im oberen Sprunggelenk, dass wir uns die Frage stellen müssen: brauche ich so eine Mobilität, um schmerzfrei durchs Leben zu gehen?
Die Antwort ist ganz klar NEIN! Es braucht keine narzistischen Poser als Functional Gurus, weder im Power Lifting noch im Mobility Bereich. Es geht alleine darum, Menschen mit FT ein besseres Leben zu ermöglichen und nicht um schneller, höher, weiter.

Was ist also zusammenfassend zu Functional Training zu zählen?

  • Mehrgelenkige Bewegungen für Athleten des Lebens und jegliche andere Athleten außer Bodybuilder
  • Übungen sollten nie im Sitzen ausgeführt werden
  • Besser im Split Stance, halben Kniestand oder auf einem Bein, als im parallelen Stand (heißt nicht, dass wir keinerlei Übungen im Liegen oder im Parallelstand machen, es stellt nur nicht die Basis dar)

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Welche Aspekte sollten wir noch berücksichtigen im FT?

Um diese Frage zu beantworten, plaudere ich aus dem Nähkästchen, sprich, was ist unsere Erfahrung und wie setzen wir FT um?

  • Es geht um Bewegungsmuster: der Schlüssel ist, fundamentale Bewegungsmuster zu erlernen. Wir definieren 7 Stück: Plank, Hip Hinge, Push, Pull, Lunge, Squat, Walk/Run. Andere Autoren weichen etwas ab, grundsätzlich ähneln sich viele Konzepte von „wahren Experten“ wie Mark Verstegen, Mike Boyle, Gray Cook, Vern Gambetta. Kann ein Athlet des Lebens diese 7 Bewegungsmuster nach gewissen Gütekriterien der Mobilität und der Stabilität qualitativ und schmerzfrei ausführen, so sehen wir diesen Menschen in „Balance“ was seinen Bewegungsapparat betrifft.
  • Was ist die Zielgruppe: seien wir ehrlich, es gefällt uns Coaches allen, mit ernsthaften Sportlern zu arbeiten. Das Hauptklientel ist allerdings der Athlet des Lebens, dessen Sportart schlicht und ergreifend das Leben in unserer heutigen Zeit und in der heutigen Gesellschaft ist. Es heißt immer, man muss als guter Performance Coach die Sportart des Athleten verstehen. Wenn ich mir die „Interpretation“ von FT in den meisten Fitness Centern anschaue, zweifle ich, ob die Trainer auch wirklich das „Spiel des Lebens“ richtig verstanden haben. Denn unsere hauptsächliche Aufgabe besteht darin, auf die Gegebenheiten des Alltags einzugehen und diesen auch durch korrigierende Maßnahmen entgegen zu wirken. Unter diesem Gesichtspunkt hat ein Crunch oder Sit Up nichts in einem FT verloren, weil diese Übung in sterno-symphysale Annäherung zieht, wir diese aber schon den ganzen Tag über im Sitzen haben. Wir brauchen also Übungen, die den Menschen helfen, in sterno-symphysaler Länge Stabilität zu erzeugen.
  • Kein metabolischer Einheitsbrei: viele FT Programme sind wilde Zirkel, die allesamt auf der Ebene der Energiebereitstellung ein wie ich es nenne, latkazider Einheitsbrei, darstellen. Nochmal für Alle: FT ist kein Zirkeltraining mit wild gemischten Übungen. Bitte beachtet die unterschiedlichen energetischen Bereiche des Menschen. Dieser Einheitsbrei bringt keinen Menschen weiter! Wie Martin Rooney sagt: „Every stupid Coach can destroy a client in 5 minutes, but only a good Coach can make him/her better“.

Zusammenfassend kann und möchte ich an alle Coaches, die das lesen apellieren: Functional Training ist so eine fantastische Trainingsform, die unseren Job so unglaublich aufgewertet hat. Lasst uns das bewahren und nicht durch gefährliches Halbwissen kaputt machen. Eine B Lizenz reicht nicht mehr aus, um in dieser Branche Erfolg zu haben. Lernt perfekt Eure Anatomie und Physiologie, dann sucht Euch gute funktionelle Ausbildungen. Hört niemals auf zu lernen!

Functional Training ist für mich ein sensationelles Tool, um Menschen dabei zu helfen, ein besseres Leben zu führen. Nicht mehr und nicht weniger!!

Thomas Korompai

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Mehr über unseren Autor:
Er ist diplomierter Sportwissenschaftler, Personal Coach und Mit-Gründer sowie Geschäftsführer des R1 Sportsclub in München. Thomas ist mittlerweile hauptsächlich in Firmen unterwegs und hält neben Impulsvorträgen lebensverändernde Seminare und Workshops für Führungskräfte rund um das Thema „Der Athlet des Lebens“. Thomas ist Coach mit Herz und Seele. Laut „Trainer-Magazin“ ist er einer der bekanntesten Personal Trainer Deutschlands. Fit for Fun sagt, er ist einer der Top-Coaches und der Experte im Bereich des funktionellen Trainings im deutschen Raum.

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