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Motorisches Lernen und Coaching Cues

Autor: Philipp Heider | Experte im Bereich Functional Training und Coaching, Gesellschafter und Dozent R1 Academy | www.r1-sportsclub.de

Liebe TF-Community,

in meinem heutigen Artikel möchte ich mich der Frage widmen: Was tun, wenn der Kunde (oder auch ihr selbst) keine Fortschritte in einer Sportart oder im Fitnesstraining macht?

Viele von euch kennen diese Situation. Ihr betreut einen Kunden, der hochmotiviert ist, aber vielleicht mit einigem Nachholbedarf in Sachen Körperwahrnehmung und Koordination. Ihr habt euch die Zeit genommen das perfekte Programming für den Kunden zu erarbeiten, um dann im Training festzustellen, dass er/sie nicht im gewünschten Maße vorankommt und dass in letzter Konsequenz auch die Erfolge ausbleiben. Das ist demotivierend für den Kunden wie für euch. Doch woran liegt es, dass euer Coaching-Ansatz bei manchen Kunden besser funktioniert, bei anderen wiederum weniger gut?

Hierzu möchte ich einen kleinen Exkurs in die Prozesse des motorischen Lernens machen. Wir alle durchlaufen während des Lernprozesses, wenn wir eine neue Übung, ein neues Bewegungsmuster oder eine neue Technik lernen, unterschiedliche Lernphasen, sogenannte Kompetenzstadien. Diese sind zusammengefasst im Modell der Kompetenzentwicklungsstufen.

1. Unbewusste Inkompetenz

Anfangs befinden wir uns im Stadium der unbewussten Inkompetenz. In dieser Phase sind wir nicht in der Lage eine Bewegung korrekt auszuführen, wissen aber auch nicht wie diese Bewegung auszusehen hat, sind uns also unserer Inkompetenz nicht bewusst.

Angewandt auf eine Situation aus dem Alltag bedeutet dies, dass ein Kunde dreimal wöchentlich eine Stunde im Dauerlauf in der „Fettverbrennungszone“ joggen geht. In dem Gedanken dadurch abzunehmen. Was er nicht weiß, ist, dass seine mangelhafte Lauftechnik seinem Bewegungsapparat auf Dauer schadet und dass der Dauerlauf nicht die effizienteste Art des Kardiotrainings darstellt.

2. Bewusste Inkompetenz

In dieser Phase wird uns bewusstgemacht, dass wir bis dato inkompetent waren, indem uns die korrekte Ausführung erklärt wird. Das bedeutet je nach Komplexität der Bewegung allerdings noch lange nicht, dass wir sie auch direkt umsetzen können. Wir befinden uns also im Stadium der bewussten Inkompetenz, wir wissen, wie es richtiggemacht wird, können es aber noch nicht umsetzen.

In unserem Beispiel, weist ihr euren Kunden darauf hin, dass es einer bestimmten Lauftechnik bedarf um auf Dauer gesund joggen zu können und erläutert ihm diese. Ihm wird in diesem Moment bewusst, dass er es bis dato nicht richtig gemacht hat, kann die neue Technik aber noch nicht umsetzen.

3. Bewusste Kompetenz

In diesem Stadium erwerben wir allmählich die Fähigkeit eine Bewegung korrekt auszuführen, benötigen aber noch ein hohes Maß an kognitiver Aktivität. Das heißt, wir müssen uns noch sehr stark auf die korrekte Ausführung konzentrieren.

Euer Kunde in unserem Beispiel erreicht das Stadium der bewussten Kompetenz in der neuen Lauftechnik durch kontinuierliches Training sowie euer Coaching und eure Korrekturen. Er beherrscht die neue Lauftechnik grundsätzlich, wenn er aber abgelenkt ist oder nicht mehr vollständig fokussiert, dann fällt er wieder in sein altes Laufbild zurück.

4. Unbewusste Kompetenz

Dies ist das erwünschte Stadium, der heilige Gral sozusagen. Denn in dieser Phase haben wir durch ständiges Üben und Wiederholen den neuen Bewegungsablauf so stark verinnerlicht und automatisiert, dass er in unser Unterbewusstsein eingedrungen ist. Somit bedarf es nur noch wenig bis gar keiner kognitiven Aktivität mehr um die Bewegung korrekt auszuführen. Dieses Stadium mit dem Kunden zu erreichen bedeutet, dass euer Coaching Früchte getragen hat.

Euer Beispielkunde hat mittlerweile ausreichend Zeit, wir sprechen von 10.000 Wiederholungen intensiver und fokussierter Arbeit, in die neue Lauftechnik investiert, sodass er automatisch wann immer er nun Joggen geht, in der neuen Lauftechnik läuft. Der Umstellungsprozess ist abgeschlossen!

Coaching Cues

Jetzt, wo wir uns damit auseinandergesetzt haben, welche Stadien wir im Verlaufe eines motorischen Lernprozesses durchlaufen, möchte ich erörtern, welche Möglichkeiten der Coaching Coes ihr als Coaches habt.

Zuerst einmal habt ihr die Möglichkeit Instruktionen verbal oder visuell zu erteilen, d.h. ihr erklärt eurem Kunden, was er zu tun hat oder ihr zeigt es ihm, oder beides. (Abb. 1)

Abb. 1

Ich möchte in diesem Artikel speziell auf die verbale Instruktion eingehen. Denn hier gibt es die Möglichkeit mit internem oder externem Fokus zu arbeiten, d.h. ihr arbeitet in eurer Erklärung über Prozesse, die im Körper stattfinden (interner Fokus) oder über das Verhältnis zwischen der Bewegung und der Umwelt bzw. einem externen Objekt (externer Fokus). (Abb. 2)

Abb. 2

Hierzu ein Beispiel, damit ihr eine bessere Vorstellung der Differenzierung bekommt. Ihr arbeitet mit eurem Kunden an einem Step Back Lunge, also einem Ausfallschritt nach hinten und gebt ihm Anweisungen, was er zu tun hat, wenn er wieder aus dem Ausfallschritt hochkommt.

Interner Fokus: „Streck wenn du hoch kommst dein Standbein und spann deinen Hintern an!“

Externer Fokus: „Schieb wenn du hoch kommst den Boden unter dir Weg!“

Beim internen Fokus vermitteln wir unserem Kunden einen Fokus, auf das, was er in seinem Körper spüren kann um ihm eine Erklärung dafür zu geben, wie die Bewegung auszuführen ist. Beim externen Fokus hingegen kreieren wir eher ein Bild im Kopf des Kunden und erlauben ihm somit den „Weg“ selbstständig zu finden.

Doch welcher Fokus ist nun besser? Auf diese Frage gibt es eine klare Antwort und wie so oft lautet sie: „Es kommt darauf an…“

Studien haben gezeigt, dass der interne Fokus bei Anfängern in verschiedenen Sportarten zu einem schnelleren Erfolg geführt hat. Probanden konnten eine bestimmte Technik, z.B. den Golfschwung, anfänglich besser umsetzen, wenn sie der Coach mit internem Fokus angeleitet hatte.

Im Gegensatz dazu führte der interne Fokus bei Profi-Golfern zu einer dramatischen Verschlechterung ihres Schwungbildes, der externe Fokus hingegen rief sehr gute Ergebnisse hervor.

Die Erklärung für die unterschiedliche Wirkungsweise des internen und externen Fokus auf Anfänger und Profis liegt in dem anfangs beschriebenen Kompetenzstufenmodell. Anfänger befinden sich, wenn sie noch keinerlei Vorerfahrung haben, in der unbewussten Inkompetenz. Über den internen Fokus können wir als Coaches sie schnell über die bewusste Inkompetenz hin zur bewussten Kompetenz führen. Der externe Fokus sorgt bei Anfängern ebenfalls für eine Verbesserung, jedoch nicht im gleichen Maß wie der interne Fokus.

Bei Profis, die ihre Sportart bereits lange und intensiv praktiziert haben, sind die Bewegungsabläufe automatisiert und es ist nur noch wenig bis keine kognitive Aktivität notwendig. Sie befinden sich also im Stadium der unbewussten Kompetenz. Coachen wir diese Athleten mit internem Fokus, stören wir die automatisierten Programmabläufe und das Ergebnis verschlechtert sich deutlich. Bei ihnen spielt der externe Fokus seine Karten aus. Er erlaubt es den Athleten sich ganz und gar ihren abgespeicherten Bewegungsabläufen hinzugeben.

Wie ihr seht, haben beide Arten des Coachings seine Vor- und Nachteile. Es bedarf also einer gezielten und situativen Anwendung seitens des Coaches. Nicht umsonst zählt das Coaching als Kunst und mein Anspruch ist es, diese wissenschaftlich zu untermauern.

Daher möchte ich euch abschließend folgendes Modell vorstellen. Sowohl in Studien als auch in meiner mittlerweile 10-jährigen Erfahrung als Personal Coach hat sich gezeigt, dass es eine sinnvolle Methodik in der Nutzung interner und externer Coaching Cues gibt. (Abb. 3)

Abb. 3

Wie ihr der Abbildung entnehmen könnt, verbinden wir die Coaching Cues mit den Stadien des Kompetenzstufenmodells. Befindet sich ein Kunde in einer der ersten beiden Phasen, verwenden wir vermehrt den internen Fokus. Sobald der Kunde jedoch eine grobe Vorstellung der neuen Bewegung hat und sich auf dem Weg in Richtung bewusster Kompetenz befindet, streuen wir bereits den externen Fokus ein, verwenden also eine Mischform. Betreuen wir einen Kunden bereits länger und hat er ein gutes Gefühl für die Bewegung, nutzen wir beinahe ausschließlich den externen Fokus. Somit stellen wir kontinuierliche und nachhaltige Trainingsfortschritte sicher.

Denn wie Nick Winkelman sagte: „Wenn der Kunde sich nicht verbessert, verändere erst das WIE, dann das WAS!“ Es liegt also immer in unser Hand als Coaches das Beste aus unseren Kunden herauszuholen.

Euer Coach Philipp

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Mehr über unseren Autor:
Philipp Heider ist Personal Trainer und Coach im R1 Sportsclub. Darüber hinaus ist er als Head of internal education für die Ausbildung und Qualitätssicherung bei den R1 Coaches verantwortlich. Als Gesellschafter und Dozent in der R1 Academy Philipp Experte im Bereich Functional Training und Coaching.